Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität (Jahresrückblick 2019)

Vergangenes Jahr haben wir euch „kleine“ Klimawandel vorgestellt, die neben der Klimakrise auch auf uns zukommen. Das Erstarken des Faschismus, die schleichende Entdemokratisierung und Kommerzialisierung der Hochschulen und Welt, Kämpfen für die Gleichberechtigung aller Menschen, … all das. 

Nun ist ein weiteres Jahr vergangen, und Gruppen wie Fridays for future können auf große, starke Proteste zurückblicken und zugleich feststellen: Es ist nix passiert. Wir streiten immer noch für einen #NeustartKlima, aber außer ein bisschen Optik hier und leeren Versprechungen dort bewegt sich wenig.

Anstatt nun aber aufzuschreiben, was uns alles gefrustet hat im vergangenen Jahr, möchten wir festhalten, was uns Hoffnung macht.


 Tübingen wird #positivbesetzt 

2018 endete im „Winter der Besetzungen“ mit der Kupferbaubesetzung gegen das Cyber Valley, der Besetzung Ob dem Viehweidle 21 nach einem Ton Steine Scherben Konzert (#positivbesetzt) und dem Hotel Hospitz. Nach der Kaiserstraße 39 in Reutlingen folgte im Juli 2019 die Gartenstraße 7. War diese bei der letzten Besetzung noch schnell geräumt worden, haben die anhaltenden Aktionen die öffentliche und städtische Meinung offenbar verändert, so dass das Haus bis jetzt besteht. Anfang Dezember, während des Weihnachtsmarkt, gab es sogar ein Gartenstraßenfest. Tübingen lässt nicht mehr leer stehen. Das macht uns Hoffnung.

 Kein Fußbreit den Rechten

Auch aus Tübingen reisen Antifaschist*innen immer wieder an, um dem rechten Flügel der AfD, der sich monatlich in Gültstein bei Herrenberg trifft, Paroli zu bieten. Bisher wurden alle Veranstaltungen der AfD von Protesten begleitet. Auch gegen den Nazi-Fackelmarsch in Pforzheim, den Neujahrsempfang der AfD in Reutlingen und viele weitere rechte Veranstaltungen gab es Protest. Die Anwesenheit von Rechtsextremist*innen darf nicht als Normalität akzeptiert werden, nicht auf dem Land, nicht in der Kneipe und erst recht nicht im Parlament. Auch wenn es aus bürgerlichen Lagern (bis hinein in die Grünen) hier Kritik gab: Bunter und vielfältiger Protest, langfristige Bildungsarbeit und Aufklärung bleibt notwendig.   

 Kritische Begleitung des Cyber Valley 

Aktivist*innen unterschiedlicher Gruppen, u.a. von Amazno, das Max-Punk-Institut, dem NoCyberValley-Bündnis und weiterer Akteur*innen haben mit zahlreichen Aktionen, Demos und Protesten die Debatte ums Cyber Valley geprägt. Das bisschen an Mitbestimmung, welches nun gegeben ist über einen Beirat, darf als der Verdienst der Protestierenden gewertet werden. Dass dies natürlich nicht ausreicht, sondern weiterhin eine kritische Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit notwendig sind, steht für uns außer Frage.


Anhaltende Tierrechtsproteste und Kampf für vegane Mensa

Am StuWe kann man sich die Zähne ausbeißen, nicht nur wenn Metallstückchen im Essen gefunden werden. Wer politisch für ein breiteres Angebot von veganem Essen antritt, weiß, wie ergebnislos die Diskussionen mit den Vertreter*innen des Studierendenwerks sein können. Das liegt nicht an den Mitarbeiter*innen, sondern an aus unserer Sicht falschen Entscheidungen in der Leitung des StuWe, aber auch im Land. Trotzdem immer wieder und wieder für ein breiteres Angebot auch für Veganer*innen einzutreten, gegen die Fleisch-Alternativlosigkeit des Mensa zu protestieren, ist wichtig und richtig. Danke an unsere Freund*innen u.a. bei Act for Animals, die 2019 keine Ruhe gegeben haben. 

Lautstarker Protest gegen Burschi-Frühschoppen und beim DIES 

Auch an der Universität gibt es Vereine, die Antifeminismus, Homophobes und rückwärtsgewandte Rollenbilder vertreten oder diese zumindest tolerieren. Sicherlich wäre es falsch, pauschal alle Verbindungen ein solches Weltbild zu unterstellen, jedoch werden Bünde am rechten Ende des Meinungsspektrum auch in der Tübinger Verbindungs-Szene nicht ausgeschlossen. Die Zusammenarbeit z.B. im AKTV zeigt deutlich, dass auch liberale und gemischte Bünde aus falschem Zusammenhalt rechte und antiemanzipatorische Positionen in ihrem Umfeld zulassen. Hoffnung macht, dass menschenfeindliche Postionen an der Uni nicht unwidersprochen bleiben. Die Proteste gegen den sogenannten Bürgerfrühschoppen, der das deutschtümelnde und Fackeln tragende Maisingen ersetzt, waren wieder einmal laut und selbstbestimmt. Flyeraktionen beim Dies Universitatis gegen Verbindungen und homophobe Freikirchen halfen Studienanfänger*innen, die anwesenden Gruppen kritischer einzuordnen. Mit dem neuen (kleinen) Verbindungsreader des OTFR und der Blochuni HSG kann Aufklärungsarbeit geleistet werden. Wir schauen hoffnungsvoll auf das kommende Jahr.

Anhaltende Klimaproteste und Selbstorganisierung 

Am Hoffnungsvollsten macht uns die Politisierung der jungen Menschen an Universitäten und Schulen. Die Proteste von Fridays for future und Ende Gelände zeigen deutlich, dass eine andere Welt ohne Resourcenausbeutung und Klimakatastrophe möglich sein kann. Auch in Tübingen gingen mehrfach mehrere Tausend Menschen auf die Straße. Nicht nur der Protest war lautstark. Auch viele kleine und große Projekte leben eine konkrete Utopie. Hier fällt zuerst  die Lebensmittelretter*innen vom FoodSharing ein, die nicht verkaufte Lebensmittel aus der Konsumlogik herausholen und kostenfrei verteilen. Die Seebrücke, die auch in Tübingen viele Unterstützer*innen hat, die Menschlichkeit einfach selbstorganisieren. Die Public Climate Week, welche mit einer Studentischen Vollversammlung Forderungen an Universität und StuWe erarbeitet hat, macht uns hoffnungsvoll. Auch die Bildungs- und Vernetzungsplattform NEZ ist eine konkrete Utopie, die kontinuierlich die Universität und Welt besser machen kann. Die solidarische Zusammenarbeit der Wohnprojekte bzw. das Mietshäusersyndikat sehen wir als konkrete Utopie, die zu einer Welt ohne Vonovia-Horrormieten führt. Eine andere Universität, ein anderes Tübingen ist schon heute machbar. Viele bauen es gemeinsam auf.


Natürlich klingt das jetzt alles sehr toll und hoffnungsvoll und mutig. Aber so fühlen wir uns nicht. Auch wir haben Angst und sind frustriert. Veränderung geht nur langsam und manchmal auch zum schlechteren. Viel mehr als das, was hier steht, haben wir ausgelassen, weil es uns die Hoffnung nimmt. Fucking Antisemitismus, rechte Anschläge, Spaltung zwischen den Studierenden, hofierte Nazis,Polizeigewalt, Entdemokratisierung der Hochschule, Drittmittelabhängigkeit, leere Kassen und schwarze Null, die däumchendrehende Bundesregierung, neue Polizeigesetze, der Angriffskrieg auf Rojava, das Aufbäumen des Patriarchats und und und… 

Oliver Thorn, ein YouTuber, erklärte 2019, warum wir trotz alledem hoffnungsvoll frustriert sind: Unsere vielen kleinen Kämpfe für eine bessere Welt sind eigentlich ein gemeinsamer. Die Fragen nach Klimagerechtigkeit, nach funktionierenden Hochschulen und lebendiger Demokratie lassen sich nicht trennen und wenn wir das begreifen und gemeinsam und solidarisch handeln sind wir auch nicht mehr zu stoppen. 

Deshalb:
Auf ein solidarisches, gemeinsames und kämpferisches 2020!


Hinweis: Dieser Jahresrückblick wurde von mehreren Aktivis der GHG geschrieben. Er wurde jedoch bei keinem Treffen abgestimmt. Die Meinungen hier spiegeln daher nicht unbedingt die gesamte GHG wieder.

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