Digitalisierung (05-12-2020)

In diesem Beitrag veröffentlichen wir aus Transparenz-Gründen eine Presseanfrage und was wir darauf geantwortet haben.

Zum Hintergrund: Im Jahr 2020 finden die Universitätswahlen unter Pandemie-Bedingungen statt. Als Gruppe haben wir uns gegen ein Wahlprogramm entschieden – welches wir üblicherweise auf Flyern verteilen – und stattdessen Meinungstexte von unseren Aktiven (die also nicht im einzelnen in unserer Sitzung abgestimmt wurden) veröffentlicht. Alle Texte findest du auf Instagram und mit Verzögerung auch auf unserer Webseite.

(Identifizierende Merkmale wie Namen haben wir gekürzt. Hervorhebungen sind nachträglich für diese Veröffentlichung. Das Posting ist rückdatiert auf den Tag des Kontakts.)

Presseanfrage via Facebook vom Donnerstag, 3. Dezember, um 10:34
Hallo, hier ist F. von der [Student*isches Medium]. Kurz vor der Wahl wollen wir nochmal einen kleinen Überblick darüber geben, was die einzelnen Gruppen, die für den StuRa kandidieren, in bestimmten Bereichen fordern. Da ich zum Thema Digitalisierung nicht wirklich fündig geworden bin, wollte ich fragen, was ihr in diesem Bereich fordert und vorhabt. Vielen Dank und viele Grüße F.

Antwort via Facebook vom Samstag, 5. Dezember 2020, um 14:37
Hallo F.,
sorry, habe die Frage erst jetzt gesehen. Per Mail sind wir besser erreichbar: info [a] ghg-tuebingen.de

Von welcher Form von Digitalisierung sprecht ihr? Bisher haben wir uns beispielsweise dafür ausgesprochen, dass wo dies möglich ist eher offene Programme und Lizenzen (z.B. Open Source) verwendet werden. Es ist einfach ärgerlich, wenn Unis ihre eigenen Ergebnisse zurückkaufen müssen. Insbesondere bei Literatur-Lizenzen, weil im einen Semester noch Geld dafür da ist, und im nächsten Semester fehlt dir plötzlich der Zugang. Auch tragen wir die EMAS Vorgaben mit, die ja auch einiges zu Digitalisierung – etwa Stromverbrauch bei den Uni-Servern – beinhaltet. Wir haben auch darauf hingewirkt, dass beim Hochschulsport es keinen einen Anmeldezeitpunkt wie bisher, sondern verteilte gibt. Das verringert die Serverlast und erleichtert Studis die Anmeldung. Und letztlich arbeiten wir mit den Fachschaften zusammen, die Probleme und Lösungen zusammentragen und Uniweit dafür streiten, dass niemand abgehängt wird durch digitale Lehre.

Digitalisierung sehen wir ansonsten vor allem aus der Umwelt-, Vielfalts- und sozialen Perspektive. Niemand soll Nachteile durch Online-Lehre haben. Dazu zählt z.B., dass Lehrveranstaltungen nicht mit Anwesenheitspflicht Live stattfinden dürfen. Wer im falschen Moment Internet- oder Computerprobleme hat, ist da schnell abgehängt. Das zählt auch besonders für Prüfungen. Dass in die Wohnung von Studierenden mittels Kamera – manchmal auch noch mit 360° Schwenk oder zweiter Kamera die den Raum filmt – eingegriffen wird, ist ein großes No-Go. Dann bricht vielleicht auch noch die Internetleitung ab und ich kriege deshalb einen Täuschungsversuch oder falle durch die Prüfung. Da braucht es andere Prüfungsformen und es braucht Zugang der Studis zu Universitären Räumen, die ja gerade sowieso leer stehen. Im Klubhaus etwa gab es im vergangenen und auch dieses Semester im Saal die Möglichkeit, in der Uni zu sein und dort zu arbeiten. Anders Prüfen müssen wir dennoch.
Auch für die Umwelt ist die Frage der Digitalisierung relevant. Im ersten Moment erscheint natürlich der geringere Verbrauch an Papier attraktiv. Rechnet man diesen aber gegen den Resourcenverbauch bei Verwendung von Servern, Endgeräten usw., zeigt sich, dass ein mehrfach verwendetes Buch weniger Umweltschädlich sein kann, als das ebenso häufig verwendete E-Book. Natürlich spielt hier aber auch die Technik mit rein: Wird angemessen komprimiert, wie werden die Server gekühlt, welche Speichertechnik, wie neu sind die Geräte, welcher Strommix wird verwendet, usw. usf. Hier kann unheimlich viel getan werden, damit ein Studium nicht zur CO2-Schleuder wird.
Es gibt aber auch gute Argumente, die für die Online-Bereitstellung sprechen, z.B. wenn ein Buch gleichzeitig von sehr vielen Nutzer*innen benötigt wird und deshalb mehrfach angeschafft werden müsste. Auch Bücher, die sehr schnell veralten, sind sinnvoller digital. Für alles andere gibt es die Möglichkeit, auf Abruf zu Scannen (vgl. etwa den Tübinger Aufsatzlieferdienst).
Die soziale Perspektive ist aber die wichtigste: Für uns alle ist gerade viel Unsicherheit drin. Die Uni sollte zumindest vorerst nicht vollständig zur Präsenz zurückkehren, sondern in allen Fächern Möglichkeiten gegeben, auch von Zuhause aus an Lehrveranstaltungen teilzunehmen – entweder als Hybridveranstaltungen oder für jedes Modul mind. eine Online-Veranstaltung. Nicht, weil Digitale Lehre Präsenz ersetzen könnte, sondern um Barrieren abzubauen. Wir werden sonst in ganz massive Probleme was Wohnraum usw. angeht reinrutschen. Während der Corona-Krise sind nämlich viele zurück zu ihren Eltern gezogen, so dass ein Start der Präsenz gar nicht so einfach ist. Wieder andere konnten gar nicht nach Tübingen kommen, weil eine Ausreise nicht möglich war.
Digitalisierung zuerst ohne jede Bedenken ist allerdings nicht unser Ding. Jedes Handeln muss einen Zweck haben und die Mittel dafür müssen passend gewählt sein.

An sich sind das alles Punkte, die alle Hochschulgruppen genauso vertreten, weil es in der Digitalisierung keine großen Meinungsverschiedenheiten gibt. Sie kommt, wo sie Sinn macht, und wo sie schädliche Wirkungen hat müssen wir nach anderen Lösungen streben. Und das tun wir: In Arbeitskreisen, Kommissionen und Gremien, zusammen mit Fachschaften und Gruppen. Unser Unterschied ist, dass wir unsere Ideen in die breite Studierendenschaft – über die Fachschaften – tragen und von dort Feedback und Meinungen hören. Und daran halten wir uns, weil diese Vielfältige Perspektive unsere Universität bereichert. Auch, was Digitalisierung angeht.

Hoffe, das konnte jetzt ein bisschen weiterhelfen. Bitte beachtet, dass die genannten Sachen keine Forderungen bisher sind – als Basisdemokratische Gruppe stimmen wir sowas nämlich intern ab –, sondern erstmal nur Meinungen aus der Gruppe heraus (statt „GHG fordert“ vllt „Jemand von der GHG sagt“?). Über diese Mail hab ich zwar in unserer Telegram-Gruppe informiert, sie aber nicht zur Abstimmung (bei einem offenen Treffen) gestellt.

Liebe Grüße
S.

PS: Wir veröffentlichen grad auf Instagram einiges zur Uniwahl. Außerdem steht auf unserer Webseite viel, z.B. auch das Wahlprogramm für 2019/2020.


Tl;dr: Digitalisierung ist intersektional. Wir müssen sie u.a. aus sozialer, ökologischer und Gerechtigkeitsperspektive betrachten. Digitalisierung ist keine Antwort auf alles, sondern nur ein Mittel, das reflektiert werden muss.


Übrigens: Auch in unserem Meinungs-Postings auf Instagram haben wir uns zu Digitalisierung geäußert, wenn auch nur sehr knapp. Unter „Unsere Uni ist ökologisch“ schrieben wir am 1. Dezember: „Es ist noch mehr möglich: […] eine klimagerechte Digitalisierung, die moderne Verfahren nutzt, damit Deine Online-Vorlesung keine CO2-Schleuder ist.“

Wir hoffen, dass hierdurch unsere Position etwas nachvollziehbarer wird.

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